Kriegsberichterstatter

Im alten inblogoveritas freute ich mich über „Klassiker für lau“ – und wirklich, Goethe und Co. haben es mehrfach auf mein Kindle geschafft. Den großen Goethe las ich bis jetzt nur punktuell. Andere, viel unbekanntere Altschreiber, überraschten mich dagegen mit sehr lesefreundlichen Texten.

Da ist z.B. Meister Seume, der Syrakus-Wanderer, aus meiner Gegend stammend, der am 29. Januar seinen 260. Geburtstag feiern würde. Angeregt durch diverse Zeitungsartikel nahm ich mir das Original vor: „Mein Leben“, die postum erschienene, größtenteils von Seume selbst verfasste Autobiografie, fesselte mich sofort. Was für ein kontrastreiches Leben! Was für eine lapidar-fatalistische Schilderung der unfassbaren (Kriegs-)Ereignisse. Und dabei ist er immer Mensch und Feingeist geblieben … ein verfilmungswürdiges Leben!

Poserna, Seume Geburtsstätte (2004)

Geburtsstätte (nicht Geburtshaus!) von Johann Gottfried Seume in Poserna – einem Dorf zwischen Weißenfels und Lützen. (Beide Aufnahmen sind von 2004.)

Poserna, Inschrift an Seume Geburtsstätte (2004)

Das komplette Gegenteil liefert Herr von Richthofen ab: In Stammtisch-Manier berichtet der junge Haudegen über seine Heldentaten im ersten Weltkrieg. Auch lapidar, doch mit einem Geist, der mich öfters einen Absatz mehrfach lesen ließ: Meint der das wirklich so? – Ja, offensichtlich:

Man kann sich für alles begeistern. So hatte ich mich mal für eine Weile für dieses Bombenfliegen begeistert. Es machte mir Spaß, die Brüder da unten zu bepflastern. […] Der Russe ist auf Flieger wie wild. Kriegt er einen zu fassen, schlägt er ihn bestimmt tot.

Aus „Der rote Kampfflieger“ von Manfred von Richthofen (auch die zwei folgenden Zitate)

Wen wundert’s? Und dann nochmal bei den Russen:

Wir machen noch einige Umwege und suchen Truppenlager, denn das macht besonderen Spaß, die Herren da unten mit Maschinengewehren zu beunruhigen. Solche halbwilden Völkerstämme wie die Asiaten haben noch viel mehr Angst als die gebildeten Engländer.

Später dann beinahe philosophisch:

Es kann einer ganz herrlich Sturz- und Loopingflieger sein. Er braucht deshalb noch lange keinen abzuschießen. Meiner Ansicht nach macht das Draufgehen alles, und das liegt uns Deutschen ja. Deshalb werden wir stets die Oberherrschaft in der Luft behalten.

Freilich ist der Herr von Richthofen auch ein Kind seiner Zeit. Und freilich zeigt gerade auch die unverblümte Erzählweise den damaligen Zeitgeist. Die Authentizität des Buches ist neben den vielen Details das Überzeugende!

Ich frage mich nun: Ist es für unseren Zeitgeist bezeichnend, dass man Richthofens Leben schon lange für verfilmungswürdig hielt und Seumes Lebenslauf eigentlich nur als Insider kennt?

Johann Gottfried Seume – Mein Leben
https://www.projekt-gutenberg.org/seume/meinlebe/meinlebe.html

Manfred von Richthofen – Der rote Kampfflieger
https://www.projekt-gutenberg.org/richthof/rotbaron/rotbaron.html

(Dies ist ein angepasstes Remake aus meinem alten inblogoveritas von 2013.)


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